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Ganz ungeschoren bin ich während des Besuchs meiner Schwester nicht davon gekommen und musste mich dann doch noch eines Kreuzverhörs unterziehen, wie es denn jetzt um meine Pläne nach dem Abitur stehe. Zuerst wollte ich mir ja gerne mit einer Au Pair-Anstellung noch eine kleine Auszeit nehmen, aber die Vorstellung, dass ich möglicherweise monatelang völlig abhängig in einer Familie verzogene Kinder hüten muss und so gar nicht selbstbestimmt durch die Gegend reisen kann, hat mich dann doch abgeschreckt. Dann habe ich an Work und Travel gedacht, das machen ein paar andere aus meinem Abschlussjahrgang auch, aber da kriegt mein Vater dann immer wieder eine Krise, dass mir ja irgendwas passieren könne. Dem wäre es am liebsten, wenn ich hier im Ort bliebe und ein Praktikum bei der Lokalzeitung machen würde und danach eine Ausbildung oder so. Sollte man ja gar nicht meinen, wo er doch selbst so viel erlebt hat.

Gestern Abend haben wir alle lange beisammen gesessen und es war wirklich so schön wie früher. Mama hat ganz toll gekocht und dann haben wir stundenlang noch gemeinsam auf der Terrasse gesessen und Papa, unser Feuermeister und Pyrotechniker, hat sich dann wieder an seinem Feuerkorb betätigen können, um seine Damen zu wärmen. Geradezu steinzeitlich. Jedenfalls hat Alice glücklicherweise die Aufmerksamkeit in Sachen Zukunftsplanung auf sich gezogen, als sie erzählte, dass ihr Chef sie gebeten hat, das firmeninterne Führungstraining zu leiten. Sie hat das so erklärt, dass man bei zu einem Führungstraining die Mitarbeiter motiviert und stärkt, Arbeitsabläufe optimiert, Störungen und Konflikte und all sowas beseitigt. Und dieses Führungstraining würde ihr eine zusätzliche Qualifikation verleihen, so dass sie sich mit dem Führungstraining auch erfolgversprechender im Ausland bewerben könne. Ich dachte ja, dass meine Mutter einen Schock kriegt, wegen Ausland und so, aber sie fand, dass das Führungstraining ganz toll und sehr qualifiziert klingen würde und dass sie, also Alice, sich mit Kindern und so ohnehin noch ein paar Jahre Zeit lassen solle. Mein Vater meinte dann direkt, das mache sich super, wenn er beim Golf Führungstraining und seine Tochter in einem Satz erwähnen könne, mal wieder ganz typisch, der alte Dekadenzbolzen.

Anstatt dass ich zu Alice fahre, wie ich es mir eigentlich gewünscht hätte und wie wir es auch eigentlich sonst handhaben, kommt Alice jetzt für ein paar Tage zu uns nach Hause. Meine Mutter ist natürlich ganz aus dem Häuschen, weil sie ihre große Tochter ja jetzt schon gefühlte Jahre und tatsächliche Wochen nicht mehr gesehen hat und sie und Papa sind dann ganz happy, dass die Familie mal wieder vereint und beide Töchter zu Hause sind. Ich freue mich jedenfalls auch sehr und bei dem schönen Wetter hoffe ich, dass wir vielleicht auch mal wieder ein bisschen Zeit für uns schaffen und zum Waldsee fahren und all die Sachen, die wir früher gemacht haben. In der Regel war sie dann immer der barmherzige Samariter, der die kleine Schwester gnädiger Weise überall mit hin genommen hat und ihr überhaupt alles wichtige Rüstzeug  für das Überleben im schweren Jugendalter mitgegeben hat…

Heute hat mich meine große Schwester angerufen und zu sich eingeladen. Sie meint, es würde mal wieder Zeit für unsere eigentlich obligatorischen Schwesterntage, was aber leider an Regelmäßigkeit verloren hat, seitdem sie in der Großstadt lebt und ich des nervigen Abiturs wegen noch hier bei unseren Eltern gefesselt bin. Aber das hat ja zum Glück auch jetzt bald sein Ende. Allerdings hat Alice mich direkt wieder in die Mangel genommen, wie es denn jetzt bald mit mir weitergehen solle und was Mama und Papa denn vorschlagen und ob ich immer noch die Au Pair-Pläne habe und tausend weitere unbequeme Fragen.

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